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Von Murmeln und Siegen
Ich war zwölf, als Opa starb. Eine halbe Ewigkeit ist es her, aber manches vergisst man nicht, schon gar nicht, wenn es wichtig war. Dass Großvaters Tod wichtig war, wusste ich damals noch nicht; selbst mit zwölf weiß man nicht alles.
Zwölf Jahre war ich, immer diese elenden zwei Jahre jünger als Gisela, die Nachbarstochter und meine Freundin, zumindest meistens; Gisela, die Nylon-strümpfe tragen durfte und schon einen Gang und ei-nen Hüftschwung zeigte, als wäre sie bereits zwanzig, die den Kopf noch höher trug, als er ohnehin war. Seit die funkelnden Nylonstrümpfe ihre Beine in den Mit-telpunkt stellten – dabei war schnell klar, nicht nur auf die Beine sollte man den Blick werfen –, bevorzugte sie Röcke und Kleider, war plötzlich eine Dame; die Haare flatterten verführerisch im Wind, und einmal gestand sie mir – das war in der Zeit, als sie sich noch herabließ, mit mir zu sprechen –, dass sie vor dem Spiegel einen erotischen Augenaufschlag übe.
Erotik muss eindeutig etwas mit den Nylonstrümpfen zu tun haben, dachte ich mir, denn in Giselas Leben vor den glitzernden Nylonstrumpfhosen war Erotik ganz bestimmt nicht vorgekommen. In den 60er Jahren trugen Mädchen mit zwölf einfach noch keine Nylon-strümpfe. Es gab die Wollstrümpfe, mal mit, mal ohne Zopfmuster, meistens in einem geschlechtslosen Bei-ge. Alles andere galt als verrucht und fiel in die Kate-gorie: Dafür bist du noch viel zu jung.
Für meine Begriffe jedoch war ich bereits alt genug, obwohl weit vor dem noch fernen Zeitalter mit Ge-heimnis versprechenden Nylonstrümpfen und knis-ternder Erotik, war alt genug fürs Leben, um mir eine kleine Lippenstiftprobe, geschenkt bekommen von ei-ner mitleidig dreinblickenden Verkäuferin in einer Drogerie, dick und fett auf die Lippen zu schmieren, damit über die Straße zu gehen und alle Leute anzu-leuchten. Jawohl, so tut man das als Dame, zumindest tut man erwachsen, und wenn man dann so ein biss-chen herumstakst, als hätte man hochhackige Schuhe an, wird die Wirkung verdoppelt.
Diese Verkleidung stieß bei Mutter so gar nicht auf Gegenliebe, und ich trug nicht nur einen Verweis da-von, nein, es hieß sogar: Hausarrest. Das war’s und saß lange in meinem Gedächtnis fest; dazu dieser rote Mund, der bald ein eigenständiges Leben in meinem Kopf führte, der verpönt wurde von Mutter, und zwar in höchsten Tönen und mit einer heftigen Nachhaltig-keit und in Worten wie: »Das gehört sich nicht, wie sieht das aus!« Halfen die strengen Zurechtweisungen nicht, brachten keine Einsicht meinerseits, wurden lie-bevolle Schmeicheleien gebraucht; plötzlich hatte ich so schöne rote Lippen, so von Natur aus, das sollte ich gefälligst schätzen und mir nicht schon jetzt ein Leben ins Gesicht holen, von dem ich noch nichts zu wissen hatte und von dem ich, Mutters innigstem Wunsche entsprechend, auch später nichts erfahren sollte. Das muss man sich mal vorstellen: Da malte ich mir zwei rote Striche ins Gesicht und war nicht mehr dieselbe. Konnte ich mir nicht ausmalen.
Selbst in den allergeheimsten Augenblicken, bewaff-net mit Mutters Lippenstift vor dem großen Spiegel im Badezimmer, sorgfältig die Verruchtheit ins Kinderge-sicht gezogen, präsentierte sich mein Aussehen nur farbiger und, das stand für mich fest, selbstverständlich mit wesentlich mehr Ausdruck. Stimmte etwas an die-sem Ausdruck etwa nicht? Eines war klar: Lippenstift machte erwachsen. Ist es nicht genau das, was alle Kinder wollen: Endlich erwachsen sein! Dabei hatte ich Glück und Unglück zugleich, denn ich hatte von Mündern gehört, die mit Seife ausgewaschen worden waren. Als hätte die Sünde vor Seife Angst. Dieser ro-te Mund jedenfalls war es, der mir später manchmal bei einer Klassenarbeit half, aber mir wiederholt Dinge zuflüsterte, die ich so gar nicht verstand, da mir das Wort Erotik noch nicht über den Weg gelaufen war, ganz zu schweigen von dessen Bedeutung, die in mei-nem Kinderkopf zwischen Hüpfekästchen und Ball-spielen keinen Platz fand.
Womit ich wieder bei Gisela bin. Jahrelang spielten wir mehr oder weniger einträchtig miteinander. Wie das so ist in der Kinderzeit, Eigenarten werden nicht definiert, sie werden hingenommen, wahrscheinlich sind Kinder die Menschen mit der größten Verträg-lichkeit. Nichts am anderen wird in Frage gestellt, man findet bestimmte Verhaltensweisen einfach blöd oder nicht; manchmal war Gisela eine doofe Kuh, ein ande-res Mal die liebste Freundin auf der Welt. An ihr regte mich ihre Andersartigkeit genauso auf, wie ihre Ähn-lichkeit mit mir das Fundament unserer Freundschaft bildete.
Blaue Augen schauten in braune mit einem Stich ins Grüne, ein kindlich schlaksiger Körper bewegte sich ungelenkt neben einem durchtrainierten Sportass-Körper; wo hier noch die stolz präsentierte Zahnlücke die Erwachsenen zu hingerissenen Ausrufen wie »Kind! Hast du ihn dir etwa selbst herausgezogen? Wie mutig!« brachte, wobei sie ihre Hände vor den Mund schlugen, als könnten sie so die verbliebenen Zähne vor dem Rausfallen hindern, glänzte dort ein Filmstarlächeln. Andererseits hatten Gisela und ich die gleiche Lieblingsfarbe, nämlich Rot, aßen am liebsten die obere Hälfte der Brötchen, und unser beider Lieb-lingssendung im Fernsehen war unbestritten Belphégor, eine Serie, die in einem düsteren Frank-reich spielte. Später wurde sie ganz und gar von Bo-nanza abgelöst, Little Joe als unser neuer Lieblingsdar-steller eroberte unsere Herzen im Sturm.
Freundschaften können so einfach sein. Doch wenn Gisela und ich uns gestritten hatten, ging ich zu Opa und erzählte ihm, was mich bewegte. Meine Großel-tern lebten mit meinen Eltern und mir in einem Haus, das Mutter immer Bungalow nannte, hatten in dem Haus eine eigene Wohnung, in der ich jederzeit will-kommen war. Mein eigenes Zimmer lag genau über dem Schlafzimmer der Großeltern. Unsere Besuchs-wege waren denkbar kurz.
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